ALFRED SCHNITTKE
(GEBOREN 1934 IN ENGELS, GESTORBEN 1998 IN HAMBURG)

Violinsonate Nr. 1 (1963)

Andante
Allegretto
Largo
Allegretto scherzando


Alfred Schnittke schrieb seine erste Violinsonate 1963. Ein Jahr später wurde sie von Mark Lubotsky in Moskau uraufgeführt. Während der 1960er konzentrierte sich Schnittke hauptsächlich auf Kammermusik und zeigte, ganz im Gegensatz zu seinen damaligen Avantgarde-Kollegen am Moskauer Konservatorium, eine besondere Vorliebe für die Violine. In ihr fand Schnittke das Instrument, das der menschlichen Stimme am ähnlichsten war und das seinem Anspruch an eine ganz persönliche Ausdrucksweise, seiner Idee von Musik als Geschichte menschlichen Lebens gerecht wurde.

Schnittke, 1934 in Engels (heute Lettland) geboren, wuchs als deutschsprachiger Jude in Russland auf und behauptete von sich selbst, keine besondere Bindung an die jüdische Religion und Kultur zu haben. Die letzten 20 Jahre seines Lebens verbrachte er, nachdem er zum Katholizismus übergetreten war, in Deutschland. Ob sein familiärer Hintergrund seine Musik beeinflusst hat, ist nicht klar. Sicher ist jedoch, dass seine Kompositionen die unterschiedlichsten Stile in sich vereinen.

Für einen jungen Komponist in der Sowjetunion war es damals geradezu unmöglich, nicht von Dimitri Schostakowitsch beeinflusst zu werden. Für Schnittke war es das erste Violinkonzert dieses musikalischen Genies, das auf ihn eine besondere Wirkung hatte. Nach der Uraufführung 1955 durch David Oistrakh wurde das Stück aus Angst vor politischen Konsequenzen für mehrere Jahre nicht mehr in die Spielpläne aufgenommen. Schnittke zeigte sich als großer Bewunderer der Komposition - besonders die dramatischen Kontraste in den Sätzen sowie in den Instrumenten und der musikalische Zwiespalt zwischen Solo-Violine und Orchester hatten es ihm angetan. Der Einfluss, den Schostakowitschs Violinkonzert auf Schnittke ausübte, ist in allen seinen Kompositionen für Violine spürbar.

Schnittkes erste Violinsonate eröffnet mit einem kurzen, einsamen Monolog der Violine. Dann gesellt sich das Klavier im Staccato dazu und verdichtet die gespenstische Atmosphäre. Der Höhepunkt des Satzes ist unnachgiebig und heftig und auch wenn die dynamische Intensität bald aufgelöst wird, bleibt eine seltsame Stimmung zurück.

Im nächsten Satz dominieren Sarkasmus und Ironie. Die beiden Instrumente schleichen beständig umeinander herum, ohne jemals wirklich zusammen zu finden. Das Klaviersolo beginnt leise aber mit nervöser Energie, das Thema des Satzes stets erneut bekräftigend. Als endlich der Höhepunkt erreicht ist, setzt die Violine kraftvoll ein. Nach einem Takt, der ganz der Violine gehört, folgt das Klavier im Kanon und wieder ist es den beiden Instrumenten unmöglich, sich zu treffen. Das Ende des Satzes hat keinen wirklichen Abschluss und erst das C-Dur zu Beginn des dritten Satzes vermittelt den Eindruck eines Ziels.

Der dritte Satz ist von einzigartiger Qualität. Es ist der stimmungsvollste und melodiöseste Satz dieser Sonate, und Schnittke zollt hier dem großen Komponisten Bach Tribut. Die Violine hält den auf dem Instrument tiefstmöglichen Ton G, die obere Linie im Klavier spielt C-H-D-Cis - erhöht man die Töne B-A-C-H um je einen Ganzton, kommt diese Folge heraus. Schnittke gibt für die Einführung des Themas die Anweisung ‚kein Vibrato'. Diese Behandlung einer solch gefälligen Melodie irrealisiert den Charaktr des Satzes. Dieser Eindruck wird durch dieHarmonien am Ende, die den Klang der Barockflöte imitieren noch verstärkt. Auch dieser Satz scheint ergebnislos.

Die Violine hält den auf dem Instrument tiefstmöglichen Ton G, die obere Linie im Klavier spielt C-H-D-Cis - erhoht man die Töne B-A-C-H um je einen Ganzton, kommt diese Folge heraus.



Schnittke gibt für die Einführung des Themas die Anweisung ,kein Vibrato'. Diese Behandlung einer solch gefälligen Melodie irrealisiert den Charakter des Satzes. Dieser Eindruck wird durch die Harmonien am Ende, die den Klang der Barockflöte imitieren noch verstärkt. Auch dieser Satz scheint ergebnislos.

Der letzte Satz ähnelt einer Burleske, die beiden Instrumente äffen einander spöttisch nach, wobei sie die verballhornten Themen aus dem 2. und 3. Satz verwenden. Gegen Ende erscheint noch einmal das Eröffnungsthema der Sonate wie eine kryptische Botschaft, auf welches vier Akkorde im Klavier folgen, in deren Oberstimme wieder das transponierte B-A-C-H zu hören ist. Dann spielt die Violine dreimal ein Fragment aus dem Anfangsthema des letzten Satzes im pizzicato - es bleibt nichts als ein Gefühl von Geheimnis und Beständigkeit.

 
 
(Dezember 2002)
 
  Notes © 2003 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., translated by Nicolai Burchartz
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