Beethoven: Sonate Nr. 9 in A-Dur, op. 47, "Kreutzer-Sonate"

Ludwig van Beethoven wurde 1770 in Bonn geboren und starb 1827 in Wien.

Beethoven musste sich mit dem Komponieren der Sonate in A-Dur, op. 47 beeilen. In Wahrheit hat er die Deadline schon überschritten und schrieb daran, bis zur Uraufführung in Wien 1803 der Vorhang hochgezogen wurde. Der Komponist saß am Klavier und George Polgreen Bridgetower spielte die Violine. Einige Teile der ersten beiden Sätze mussten improvisiert werden, da das Manuskript nicht gut leserlich war. Trotzdem hat dieses Werk, das bei der Publikation den Untertitel "Kreutzer-Sonate" erhielt, schon immer große Geister wie z.B. Tolstoi inspiriert.

Leo Tolstoi hörte die Kreutzer-Sonate 1888. Sie regte ihn dazu an, die letzte Version einer Novelle unter dem selben Namen fertig zu stellen. Die Handlung dieses Werks basiert auf der Ambivalenz spiritueller und körperlicher Bedürfnisse, hier in einer bestimmten Ehe. Der Höhepunkt ist der Mord des Ehemannes an seiner Frau.

Es ist überliefert, dass Tolstoi von Musik sehr zu faszinieren war. Die Kreutzer-Sonate ist ein aussergewöhnliches Stück. Wenn ich sie spiele, bin ich immer beeindruckt, wieviel Energie notwendig ist, um die emotionalen Ausbruche, schnellen Läufe, Melodielinien und Dialoge mit dem Klavier unter Kontrolle zu halten. Diese Merkmale, kombiniert mit der enorm schwierigen Technik, wird fur die Künstler zu einer emotionalen und körperlichen Annspannung.

Der 1. Satz verdeutlicht am besten Beethovens eigene Auffassung des Entwurfs: "Sonate für Klavier und obligate Violine, in sehr konzertartigem Stil geschrieben, brillant (dies ist von Beethoven im Manuskript ausgestrichen), quasi wie ein Konzert". Es ist in der Tat eine Komposition, in der zwei Instrumente gleichwertig sind in Dominanz, Lebhaftigkeit und Angeregtheit, und, in Konzertproportionen geschrieben, verfügt sie gleichzeitig über kammermusikalische Feinheit und Sensibilität.

Das einführende Adagio Sostenuto beginnt mit einer choralähnlichen Phrase der Violine, es folgt das Klavier. Der Satz steht im Gegensatz zur Grundtonart fast ausschließlich in Moll, nur die eröffnende Violinphrase ist in A-Dur. Im Hauptteil des folgenden Presto wird die Tonart A-Dur mit seinen drei Kreuzen nun offiziell nach a-Moll, ganz ohne Vorzeichen moduliert. Das Eingangsthema wird von der Violine vorgestellt, die sozusagen vom Klavier mit demselben Thema unterbrochen wird, diesmal in der Klavierstimme, und wird mit einer Arpeggio-Minikadenz vollendet. Der Satz geht dann weiter, und obwohl ansatzweise erholsame Momente vorhanden sind, kommt er nicht wirklich zur Ruhe. Das Ende des Satzes zeichnet sich durch hemmungslose Raserei aus.

Der 2. Satz, Andante con Variazioni, besteht aus vier Variationen, vorwiegend in F-Dur. Wenn man bedenkt, dass dies der langsame Satz ist, hat Beethoven mit seinen Synkopen, Pizzicati, Trillern usw. einiges an Humor eingebaut. Hinzu kommen noch viele 16tel, 32tel und 64tel-Noten, die gemeinhin als schnelle Noten gelten. Beethoven aber erwartet Qualität, fast Leichtigkeit und Ruhe in der Ausfuhrung, um die kristalline Schönheit des Satzes zu erhalten.

Der letzte Satz, Presto, war schon ein Jahr vor der Premiere fertig und sollte eigentlich der Schlusssatz der Violinsonate A-Dur, Op. 30/1 sein. Beethoven schrieb aber statt dessen ein paar Variationen für das frühere Werk und nahm das Original in die Kreutzer-Sonate auf. Nach dem klangvollen A-Dur Klavierakkord - einfach und kräftig, wie die Stimmung des ganzen Satzes, beginnt die Violine. Es handelt sich um eine Tarantella, einen sehr schnellen Tanz der italienischen Folklore, der dazu dienen sollte, den giftigen Biss einer Tarantel zu kurieren. In der Tat ist eine Tarantella zu schreiben kein leichtes Unterfangen; Beethoven aber behandelt sie leicht, witzig und fröhlich, ganz im Gegensatz zum 1., starken, dramatischen, ja ungestumen Satz. Dieser 3. Satz ist so spontan und anmutig, als tanzten die Instrumente miteinander, und der Satz endet in triumphaler Freude.

Zur Zeit der Erstaufführung des Werks waren Bridgetower und Beethoven recht gute Freunde. Bridgetower war ein vielseitiger Virtuose und offziell beim Prinzen von Wales angestellt. Aber die Freundschaft zerbrach, als sie beide in Liebe zu derselben Frau entbrannten. Bei der Publikation der Sonate strich der wütende Beethoven die Widmung für Bridgewater und änderte sie. Ein anderer Virtuose, Rudolph Kreutzer, der Komponist von 42 Etüden, die jeder Geiger der Welt kennt, bekam die Widmung, obwohl er das Stück nie spielen würde. Heute ist dieses Werk eines der wichtigsten für Klavier und Violine. Gefürchtet und geliebt, ist es der Olymp fur alle, die sie spielen.

 
 
(Januar 2003)
 
  Notes © 2003 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., translated by Nicolai Burchartz
Referential sources available on request.