WITOLD LUTOSŁAWSKI
(GEBOREN 1913 IN WARSCHAU; GESTORBEN 1994 IN WARSCHAU)

Subito (1992)

Zusammen mit Chopin und Szymanowski ist Witold Lutosławski einer der grossen polnischen Komponisten, obwohl sein kreativer Beitrag mit dem der anderen nicht zu vergleichen ist - er bietet eine charakteristische Stimme des Antiromantizismus.


Lutosławskis Leben wurde beeinflusst durch zwei Weltkriege, den Kommunismus Stalins in Polen, und den Fall des Kommunismus, der in den Kalten Krieg mündete. Er wuchs in einer politisch aktiven polnischen Familie auf, die dauernd unter politischen Unruhen, Zwängen und Tragödien litt. Lutosławski selbst floh während des zweiten Weltkriegs aus einem Kriegsgefangenenlager; sein Vater und Bruder ließen ihre Leben im Krieg.

Lutosławski begann sehr früh, sich mit Musik zu beschäftigen. Er studierte Klavier und später auch Komposition und Geige. Erst 1984 und im Alter von 71 Jahren begann er mit Kompositionen für die Geige, nachdem er die Bekanntschaft der deutschen Künstlerin Anne Sohie Mutter gemacht hatte. Die Violinwerke, die er während seiner letzten Lebensjahre schrieb, sind die wesentlichen und werden von zeitgenössischen Geigern verfochten, allen voran Mutter. Subito, das letzte Werk für Violine und auch die letzte vollständige Komposition, stammt aus dem Jahr 1992, dem selben Jahr, in dem Lutosławski seine 4. Symphonie schrieb. Das Werk entstand im Auftrag der der International Violin Competition of Indianapolis. Der Komponist war mitten in einer wichtigen anderen Geigenkomposition, einem Konzert fur Anne-Sophie Mutter, als er starb.

Während der Jahre der politischen Unterdrückung in Polen fuhr Lutosławski heimlich fort, neue Kompositionstechniken zu erfinden und zu erproben. Obwohl es ihm nicht möglich war, diese an die Öffentlichkeit zu bringen, da er sonst durch die politisch-kulturelleen Sanktionen zum Schweigen gebracht worden wäre, verfeinerte er diese Methoden immer weiter. Einiges kann man in Subito gut erkennen Stilistisch basiert dieses Stück auf einer Refrain-Episode.

Subito öffnet mit Gesten, die für den Rest des Stückes zu einem Refrain werden. Der Refrain kehrt viermal zurück, getrennt durch vier Zwischenmusiken. Die Zwischenmusiken sind durch ihre deklamatorische Kühnheit gut erkennbar. Auf der anderen Seite ist jede der Ritornelle unterschiedlich und bildet meist den Kontrast zu den Refrains.

Lutosławski macht Chromatik auf der Geige zum erklärten Charakteristikum der Refrains. Das Klavier hat zwei senkrecht symmetrische Akkorde. Sie sind symmetrisch weil der Abstand zwischen den aufeinanderfolgenden Tönen mißt, erhält man ein immer gleiches Zahlenmuster, ob von oben nach unten oder umgekehrt betrachtet.

In den Zwischenspielen sind Entwicklungen und Überleitungen des gesamten Stückes enthalten. Im Vergleich zu den meisten Refrains, welche fertig und in sich abgeschlossen klingen, werden die Zwischenmusiken (oder Ideen) entwickelt und daher sind sie flüchtiger, d.hes passiert mehr. Zusätzlich sind die Zwischenspiele auch variabler und länger als die Refrains.

Es ist genauso wichtig und erstaunlich zu vermerken, dass die ursprünglichen Ideen, vorgestellt in dem eröffnenden Refrain diejenigen sind, die später zu Ritornellen ausweitet werden. Dies gilt auch fur die oben genannten symmetrischen Akkorde, die die entweder zusammen oder gebrochen gespielt zurückkehren, die motivische Chromatik der Geige, die in verschiedenen Gestalten wieder auftaucht. Ein letztes groß angelegtes Beispiel der chromatischen Bewegung wäre, dass die vorletzte Note des Stückes auf der Geige Des ist , einen halben Ton vom ursprünglichen Ton entfernt.

Diese kurze Analyse deutet die Komplexität von Subitos Logik und Form nur an. Solch eine Kunstfertigkeit in Komposition und Symmetrie ist das Werk eines großen Meisters. Die beständige, sorgfältige Studie der Technik vergrößert noch die Ehrfurcht des Künstlers. Das Wichtigste aber ist, dass auch ohne fundierte Kentnisse der Funktionsweise des Werks Subito eine unübertroffene Frische und Kraft besitzt, eine Wirkung, die bezeichnend ist für die Stärke des Stücks.

 
 
 
  Notes © 2003 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., translated by Nicolai Burchartz
Referential sources available on request.