PAUL HINDEMITH
(geboren 1895 in Hanau; gestoben 1963 in Frankfurt)

Sonate in Es, Op. 11/1 (1918)

1. Frisch
2. Im Zeitmass eines langsamen, feierlichen Tanzes

Paul Hindemith war ein vielseitiger Musiker, der auch einen Sinn für Organisatorisches besaß. Die produktivste Phase seines künstlerischen Schaffens liegt in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen, in denen er sich sowohl als Bratschist, Violinist, Klarinettist als auch als Dirigent und Komponist einen Namen machte. Hindemith, der auch für die Musiktheorie von Bedeutung ist, war zudem Lehrer und Intendant, als welcher er bei den Donaueschinger Festspielen und bei der türkischen Regierung tätig war.

Der Aufstieg der Nationalsozialisten erschwerte Hindemith sein künstlerisches Schaffen mehr und mehr, so dass er schließlich gezwungen war, in die USA auszuwandern, wo er 1946 die Staatsbürgerschaft erhielt. Einige Jahre später kehrte er nach Europa zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1963 lebte. Seine Neugier erstreckte sich ebenso wie sein Talent auf zahlreiche Bereiche, und er widmete sich sein Leben lang der Überlieferung von Musik aus Mittelalter und Renaissance sowie der Erhaltung historischer Instrumente.

Hindemith komponierte sein Op. 11 zwischen 1917 und 1919. Das erste Opus 11/1 von 1917 wurde zerstört. Die Sonate in Es von 1918 wurde daher neu als Op. 11/1 nummeriert. Außerdem ist Op. 11/1 unvollständig, da der letzte Satz zu fehlen scheint.

In diesem zweisätzigen Stück dominiert der kompositorische Stil der „freien Atonalität". Der atonale Faktor erscheint jedoch nur sekundär. Während eine Analyse die Elemente betont, die von einem klassischen Stil abweichen, bemerkt man gleich beim ersten Hören die Direktheit und Unmittelbarkeit der Hauptthemen. Der hauptsächliche Effekt der Atonalität, besteht in der angenehmen Eigenartigkeit, die, begleitet von rhythmischer Lebhaftigkeit, neugierig macht und Erwartungen weckt.

Die Form des ersten Satzes (Frisch) ist symmetrisch, wie ein Palindrom, und besteht aus größeren Teilen, die in der Folge A-B-C-B-A angeordnet sind. Teil A, der die Komposition eröffnet und schließt, beginnt mit einem heroischen Bogen. Der zugrundeliegende Akkord in diesem Part ist ein übermäßiger Dreiklang über Es: Es-G-H. Innerhalb der tonalen Tradition würde hier entweder ein Durakkord mit Es-G-B oder ein Mollakkord mit Es-Ges-B stehen. In diesem Stück setzt Hindemith jedoch mit zwei großen Terzen einen übermäßigen Akkord. Durch die Hinzunahme einer weiteren großen Terz, wird die Oktave von Es nach Es (oder Dis) in drei gleichgroße Abschnitte geteilt. Dieses kompositorische Verfahren gewann im späten 19. Jahrhundert an Popularität und behauptete sich während des gesamten 20. Jahrhunderts.

Während es in der Eröffnungssequenz nur so von großen Sprüngen wimmelt, verleiht der schrittweise Melodieverlauf des zweiten Teils dem Stück einen eher liedhaften, sanglichen Charakter. Das anfängliche gis-Moll wird im Laufe der Komposition zu einem As-Dur, wobei Gis natürlich rein klanglich As entspricht.

Als nächstes folgt ein Übergangsabschnitt. Es ist schwierig, den Verlauf der Harmonien bis zur Rückkehr des zweiten Themas nachzuvollziehen, sicher ist jedoch, dass sie sich klar auf einen bestimmten Punkt hinzubewegen. Bei Einsetzen des zweiten Themas sprüht das Stück vor Energie, die jedoch schnell einer sanften Ruhe weicht und so den Weg für den abschließenden Kontrast zum eröffnenden Teil bereitet. Auf der Spitze der Anspannung schließt der Satz mit einem Es-Dur Akkord.

Der zweite Satz (Im Zeitmass eines langsamen feierlichen Tanzes), der ursprünglich als mittlerer Satz gedacht war, beginnt mit Es, das in einer Oktave auf dem Klavier gespielt wird. Ostinato-ähnlich bereitet es nichtsdestotrotz den Rhythmus vor, ähnlich wie ein Klagelied. Der komplette Satz wird auf der Violine mit einem Dämpfer gespielt, was zu dem pseudo-romantischen Eindruck beiträgt.

Während der Analyse tritt der ausgeprägte Einsatz von Halbtonschritten in den äußeren Teilen und von Arppegien im Mittelteil hervor. Gegen Ende des Satzes kehrt, halb chromatisch eingeführt, das tonale Es wieder. Die Atmosphäre jedoch bleibt eher unbestimmt und hinterlässt eine wie mit Weihrauch getränkte Unheimlichkeit.

 
 
 
  Notes © 2003 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., translated by Nicolai Burchartz
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