SERGEI PROKOFIEFF
(geboren 1891 in Sontsovka, Ukraine,; gestorben 1953 in Moskau)

Violin Sonate Nr.1 in f-Moll, Op.80 (1936-1946)

Die Sonate Nr. 1 in f-moll, Op.80, beendete Prokofieff 1946, sieben Jahre vor seinem Tod. Seine Violinsonate Nr.2 in D-Dur, Op. 94a, stellte er schon 1944 fertig; da er aber die Sonate in f-moll schon 1936 begonnen hatte, erhielt sie die Nummer 1.

Im zaristischen Russland genoss Prokofieff ein privilegiertes Leben. Er war Student für Komposition und Klavier am St. Petersburger Konservatorium und bekannt als ein Rebell. Obwohl Alexander Glasunow, der Direktor des Konservatoriums, ihn mochte und unterstützte, war Prokofieff als unverbesserlicher Unruhestifter, den man nicht unterrichten konnte, bei anderen Fakultäten bekannt. Trotz seines Rufes als schwieriger Schüler, wurden seine Arbeiten von Beginn seiner Karriere anerkannt und waren erfolgreich, so dass er als Komponist und Pianist sein Leben selbst bestreiten konnte.

Unmittelbar nach der kommunistischen Revolution - Russland war in Aufruhr - entschloss sich Prokofieff, teilweise beeinflusst von Strawinsky und Diaghilev, die beide in den Westen gezogen waren, ins Ausland zu gehen. Prokoffief wollte dort leben, wo seine musikalische Sprache stimuliert und akzeptiert würde. Daher verließ er Russland 1918 über Sibirien und Japan und lebte die nächsten 15 Jahre im Ausland, vorwiegend in den Vereinigten Staaten und Paris. In den frühen 30er Jahren überkam ihn jedoch die Sehnsucht nach seiner Heimat, und er war es satt als Ausländer in einem fremden Land - wenngleich auch sehr gut - zu leben. Außerdem wollte er seine beiden Söhne in Russland aufwachsen lassen.

Prokofieff scheint sich nicht genau über die politische Situation in der Sowjet-Union und ihren Druck auf das künstlerische und kreative Klima bewusst gewesen zu sein. Vielleicht war er naiv oder weigerte sich schlichtweg, über die Möglichkeit nachzudenken, dass die Regierung das Spielen seiner Musik verbieten könnte. Tatsächlich wurden viele seiner Werke, vorwiegend Opern und Ballettmusik, nicht aufgeführt.

Die Sowjet-Union in den 30er Jahren war von Stalin geprägt. Künstlerisch gesprochen war es eine kritische Periode, in der die Kontrolle durch die Regierung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Formalistische Musik wurde als bourgeois verdammt und hart zensiert. Die Union der Sowjetischen Komponisten besaß die offizielle Entscheidungsgewalt darüber, ob eine Aufführung genehmigt oder verboten wurde. Es scheint so, als ob Prokofieff anfangs diesen Restriktionen entkam. Später jedoch störten oder verhinderten Bürokraten die Produktion seiner umfangreichen Kompositionen. Manchmal musste er Werke verändern um sie "korrekt und hörenswert" zu machen.

1940 begann sich seine Gesundheit zu verschlechtern; hervorgerufen durch eine Gehirnerschütterung, die er sich bei einem Sturz zuzog. Als er 1946 die Violinsonate Nr.1 fertig gestellt hatte, war er gebrechlich und lebte die meiste Zeit in einer Villa in Nikolina Gora, außerhalb Moskaus. Prokofieffs Musik gibt keinen Hinweis auf seinen kritischen Gesundheitszustand. Stattdessen konfrontiert sie den Hörer mit Witz, Ironie, fremden Charakteren, energievollen Ausbrüchen und düsteren Widerspiegelungen. Das Stück ist voll von emotionalen Klangfarben, erfüllt mit Virtuosität und Lyrik. Prokofieff selbst beschreibt die Sonate folgendermaßen:

"Stimmungsmäßig ist sie ernster als die 2. Sonate. Der erste Satz, Andante assai, ist ernst im Charakter und eine Art verlängerte Einführung zum 2. Satz, einem Sonaten-Allegro, das lebensvoll und turbulent ist. Auch hat der Satz ein zweites Thema. Der 3. Satz ist langsam und feinfühlig, das Finale schnell und in kompliziertem Rhythmus geschrieben." *1

Auch die Beschreibung der 1. Sonate von Prokofieffs Biographen Israel Nestyev hilft, das Werk zu verstehen: "Die Meditation eines antiken Barden über das Schicksal des Mutterlandes [...] Szenen brutaler Zusammenstöße der kriegerischen Kräfte [...] ein poetisches Bild eines trauernden Mädchens und [...] eine Hymne an Russland in Waffen, ein Lobgesang auf Freiheit und Kraft der Menschen."*2

Für mich hat die Sonate f Moll mimetischen Charakter. Auch ohne spezifisch greifbaren literarischen Inhalt oder Zusammenhang stimuliert die Musik Prokofieffs die visuelle Phantasie der Menschen.

Prokofieff selbst äußerte sich oft bildhaft zu seiner Musik. Über den letzten Teil des 1. Satzes der Violinsonate f Moll sagte er, sie solle klingen wie "der Wind auf einem Friedhof". Dieselbe Stimmung ergreift uns am Ende des Stückes. Nachdem wir einen ganzen Lebens-Zirkel in diesem Stück erfahren haben, ist es das Bild des Friedhofs im Wind, mit dem wir zurückgelassen werden. Vielleicht ist dies eine Vorhersage in symbolischer Gestalt, von einer musikalischen Zukunft unter rauen Bedingungen.

David Oistrach und Lev Oberin spielten die Uraufführung im Oktober 1946.

*1 Abram Loft, Violin and Keyboard: the Duo Repertoire: Volume II From Beethoven to the Present (Portland, Oregon: Amadeus Press, 1973), 288.

*2 Ebd.

 
 
 
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