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ALEXANDER
GOEHR Suite für Violine und Klavier, Op. 70 (2000) 1. Prelude Ein Komponist mit politischem Bewusstsein, der entschlossen ist Musik mit einem Bezug zu seiner Zeit zu schreiben". So wurde Alexander Goehr, einer der wichtigsten britischen Komponisten unserer Zeit, einmal beschrieben. In Goehrs Musik kann man zahlreiche Einflüsse ausfindig machen. Sein Vater, der gefeierte Dirigent Walter Goehr, studierte mit Schonberg, den er sehr bewunderte, sich dabei aber der Grenzen der 12-Ton Technik und der Musik der Neuen Wiener Schule bewusst war. Zwar gab es eine Zeit, in der Alexander Goehr strikt im Stil der 12-Ton oder auch der seriellen Musik komponierte, doch lernte er bald, die realistische Vision seines Vaters zu schätzen. So erklärte er, dass seine Musik zwar zutiefst von der seriellen Musik beeinflusst ist, er in seinen Stücken jedoch über diese hinausgeht. Und sicherlich ist da eine Natürlichkeit, die seine Linien fließen und sich entfalten lässt. Weitere Komponisten, die Goehr beeinflusst haben, sind Messiaen, Debussy, Ravel, Strawinsky und Janáček. Außermusikalische Einflüsse, wie beispielsweise der Sozialismus oder Zionismus, dürften wohl auch nicht ohne Wirkung auf seine Musik geblieben sein, Goehr hat eine plakative und offensichtliche Darstellung seiner Inspirationen jedoch längst hinter sich gelassen. Die Suite für Violine und Klavier wurde von der Harvard Musical Society in Auftrag gegeben, wo sie am 25. April 2000 auch erstmalig aufgeführt wurde. Das Stück ist dreisätzig und hat im Großen und Ganzen einen hebräischen Charakter. Vielleicht rührt das von der kurzen Zeit, in der Goehr als Jugendlicher Mitglied einer zionistischen Gruppe war. Besonders im zweiten Satz finden sich hervorgehobene Tritoni, explizit betonte Dissonanzen und sangliche Ornamente, wie sie typisch für jüdische oder hebräische Musik sind. Das Stück ist atonal, obwohl es von einigen sehr melodischen Linien getragen wird. Die Transpositionen und Umkehrungen der Motive können als wiederkehrende Ideen betrachtet werden. Das Prelude eröffnet mit einem Rezitativ der Geige, welches sämtliche Hauptideen des ersten Satzes vorstellt. Jedes folgende Segment übernimmt etwas aus dem Eröffnungsrezitativ, um es dann anders weiterzuspinnen und so neues Material zu schaffen. So gesehen handelt es sich bei diesem Satz um eine Gruppe von Variationen über Fragmente, auch wenn Goehr selbst ihn nicht so bezeichnet. Beim ersten Hören sticht wahrscheinlich besonders die Quintolen-Figur direkt zu Beginn des Stücks hervor. (Ex.1 - 1.Satz takt
1) (Ex.2 - 1.Satz takt
14-15) Der zweite Satz, Rain Song The days of summer are gone", with variations, basiert auf einem anonymen hebräischen Akrostichon aus dem Mittelalter (9. bis 11. Jahrhundert). In einem Akrostichon bilden die ersten Buchstaben jeder Verszeile ein bestimmtes Wort (z.B. den Namen des Autors). Diese Form der Dichtung war in der mittelalterlichen jüdischen Kultur sehr verbreitet. Im Rain Song wird überschwänglich die Ernte gefeiert. Das Thema ist durch akzentuierte Synkopen gekennzeichnet. Es hat eher rhetorischen Charakter, wird dann aber mehr und mehr verziert. Die letzten Momente des Themensegments sind besonders nostalgisch, was durch den Einsatz von Harmonien auf der Geige noch gesteigert wird. Jede folgende Variation besitzt ihre eigenen rhythmischen Pattern. Variation 2 stellt für die Musiker mit ihren unterschiedlichen Metren und extrem komplexen Zusammensetzungen von Rhythmen, die durch offbeat Betonungen verdichtet werden (Synkopierungsvariante), eine besonders große Herausforderung. (Ex.5 - 2.Satz 2.Variation
takt 51-53) Diese Art von Komplexität ist typisch für neue Musik, in der gegenläufige Rhythmen die Spannung des zeitlichen Ablaufs verstärken. Der dritte Satz, Three-part Invention, dient eher als fünfte Variation des zweiten Satzes. Bei weitem der kürzeste Satz der Suite zeichnet er sich durch eine kontrapunktische Schreibweise aus und demonstriert so Goehrs meisterhafte, individuelle und moderne Art, mit äußerst traditionellem musikalischen Material zu arbeiten. Dreiteilige Inventionen lassen sich besonders in den Kompositionen Bachs finden und die Fähigkeit, einen guten Kontrapunkt zu schreiben, wurde traditionell für jeden Komponisten als absolut unerlässlich angesehen. Goehrs dreiteilige Invention beinhaltet drei Abschnitte mit zwei eingeschobenen, kurzen Episoden. Der generelle Eindruck ist lebendig, wie es fur kontrapunktische Kompositionen typisch ist, und die Intensität steigert sich bis zum Schluss, einer einzelnen Note im Klavier, die weniger ein abruptes Ende als vielmehr ein humorvolles Ausklingen vermittelt. |
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2004 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., translated by Nicolai Burchartz Referential sources available on request. |