MICHAEL HERSCH
(geboren 1971 in Washington D.C., lebt derzeit in Philadelphia)

„the wreckage of flowers" - Twenty-one Pieces After Poetry and Prose of Czesław Miłosz (2003)


the wreckage of flowers, fertiggestellt im Jahr 2003, ist ein Set von 21 kurzen Stücken zu Texten des in Polen geborenen Literatur-Nobelpreisträgers Czesław Miłosz (1911-2004). Jedes der Stücke für sich ist kurz und prägnant; zusammen bilden sie eine Reflektion der Auseinandersetzung des Komponisten mit Miłosz' Schriften.

Michael Hersch machte sich relativ schnell einen Namen und wurde zu einem der bekanntesten amerikanischen Komponisten seiner Generation. Seine musikalische Sprache, der mit komplizierten Clustern und plötzlichen rhythmischen Wechseln eine packende Ausdrucksintensität eigen ist, bewegt sich zwischen Atonalität und Tonalität. Besonders in letzter Zeit weisen seine Werke eine größere Zahl an Sätzen auf, die die Ökonomie des Materials betonen, und tendieren zu einem konzentrierterem, manchmal heftigen Ausdruck, der sie von den größer angelegten Werken mit weniger Sätzen aus seiner frühen Zeit unterscheidet.

Czesław Miłosz war einer der beeindruckendsten Dichter des 20. Jahrhunderts. Oft erforschte er das scheinbar endlose Potential des Menschen zur Grausamkeit und ihre tragischen Konsequenzen, von denen er viele unmittelbar miterlebte. Dennoch war auch Mitgefühl in seinen Werken immer wichtig. 1911 in Litauen geboren, zog seine Familie während des ersten Weltkrieges mehrmals um. Im zweiten Weltkrieg überlebte Miłosz die Besetzung Polens durch die Nazis und ging danach in den diplomatischen Dienst. 1951 siedelte er nach Frankreich über und wurde schließlich Professor für slawische Sprachen an der Universität von California-Berkeley. Er starb am 14. August 2004.

Herschs 21 kurze Stücke aus the wreckage of flowers basieren auf 19 Textfragmenten aus Miłosz' Prosa und Lyrik (zwei Texte werden wiederholt). Hersch hat hierbei nicht, wie bei traditionellen Lyrikvertonungen üblich, die Worte in Musik übersetzt, sondern vielmehr musikalisch auf die Textpassagen reagiert.

Sämtliche Stücke sind kurz und weisen wenige traditionell-melodische Momente auf. Während des halbstündigen Werkes bleiben die Violine und das Klavier nahezu unabhängig voneinander und gleichzeitig doch verbunden. Obwohl es in der Partitur nur so von Satzanweisungen wimmelt, soll das Stück mit einer gewissen Spontaneität gespielt werden; die rhythmischen und dynamischen Instruktionen des Komponisten müssen weniger als strikte Vorschreibungen sondern mehr als Richtlinien verstanden werden.

In einfachen Worten: the wreckage of flowers kombiniert offene und dicht gedrängte Klänge, viel Pedal im Klavier, gedämpfte Töne des col legno (eine spezielle Technik auf der Geige, bei der das Holz des Bogens und nicht die Haare den Ton erzeugt) und den Einsatz der extremen Register auf beiden Instrumenten. In einigen Passagen ist die Intensität besonders durch das Aufblühen von Noten in dichter, kontrapunktischer Notation spürbar. Die Musik ist außerdem stark von der Stimmführung abhängig: Sie führt zielstrebig durch atonale wie tonale Passagen und bietet neue, unverwechselbare Klänge an, im Gegensatz zu bloßen Abweichungen von klassischen oder traditionellen Mustern.

the wreckage of flowers wurde von Midori in Auftrag gegeben und wird in der Spielzeit 2004/05 durch Midori und den Pianisten Robert McDonald zur Uraufführung gebracht. Michael Hersch studiert am Peabody Konservatorium in Baltimore und am Moskauer Konservatorium in Russland. Zudem arbeitete er auch am Tanglewood Institut. Als Pianist gab Hersch Konzerte in den USA und in Europa. Eine Aufnahme von Herschs Kammermusik wurde 2003 von Vanguard Classics veröffentlicht. Für seine neue CD, die beim gleichen Label erhältlich ist, spielte Hersch Stücke von Morton Feldman, Wolfgang Rihm, Josquin Des Prés und eigene Kompositionen ein.

 
 
(Oktober 2004)
 
 
 
  Notes © 2004 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., übersetzt von Nicolai Burchartz
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