ISANG YUN
(geboren 1917 in Tongyeong, Korea; gestorben 1995 in Berlin)

Sonate für Violine und Klavier (1991)


Gleich zu Beginn der Sonate für Violine und Klavier von Isang Yun überkommt den Zuhörer ein Gefühl von Dringlichkeit und Konfrontation. Die beiden Instrumente interagieren auf dramatische Weise und mit stetig ansteigender Intensität. Beim ersten Höhepunkt angelangt, kreischt die Geige und das Klavier hat die Führung. Der Protagonist (die Geige) scheint dem Wahnsinn nah; der Antagonist (das Klavier) forciert die gewaltätige Atmosphäre.

Man könnte argumentieren, dass die Musik das Leben eines Musikers bestimmt, oder andersherum, die Erfahrungen eines Musikers seine Musik formen. Eine genauere Betrachtung des Zusammenspiels von Yuns persönlichem und politischem Hintergrund bestätigt, dass beide Überlegungen berechtigt sind.

Yun wurde gegen Ende des Ersten Weltkrieges in Korea geboren und wuchs dort während der brutalen Kolonisation durch das imperialistische Japan auf. Als Jugendlicher wurde er politischer Aktivist und sollte das zeit seines Lebens bleiben. Demokratie und die Befreiung und Vereinigung der koreanischen Halbinseln lagen ihm besonders am Herzen. Wegen seiner politischen Aktivitäten wurde er zweimal entführt und gefoltert, zuerst vom Militär der japanischen Besetzer, später, in den 60ern während der Militärdiktatur von General Park Chung-Hee, von der koreanischen Geheimpolizei. Yun wurde zum Tode verurteilt, doch nach massivem Druck von Seiten internationaler Künstler, angeführt von Herbert von Karajan und Igor Strawinsky, wurde das Urteil aufgehoben.

Yun war in Korea bereits ein angesehener Komponist, als er im Alter von vierzig Jahren das erste Mal nach Europa reiste, um in Paris und später in Berlin zu studieren. Yun sagte einmal: „Ich wurde in Korea geboren und projiziere diese Kultur, musikalisch gereift bin ich aber in Europa. Ich muss keine einzelnen Elemente der Kulturen organisieren oder separieren. Ich bin eine Einheit, eine einfache Person. Es ist eine Synthese." Während eines Interviews im Jahre 1986 sann er über die stilistischen Ursprünge seiner Musik nach. Während er sich bewusst war, dass seine Musik für europäische Ohren ‚fremd' klingen mochte, schrieb er die Gründe dafür nicht einzig seiner koreanischen Herkunft zu. Er verwies auf die Atonalität und den für seine Werke zentralen rhetorischen Aspekt hin, und darauf, dass er nicht für koreanische Instrumente komponiere. Dennoch sagte er abschließend: „Die stilistischen Elemente, die meine Musik ganz konkret enthalt, muss man erst genau untersuchen, um festzustellen, woher sie kommen."

Tatsächlich wurden von Musikwissenschaftlern und Analytikern zwischen traditioneller koreanischer (oder chinesich-koreanischer) Hofmusik und deren Instrumenten und Yun's Kompositionen Verbindungen aufgezeigt. Besonders in der Violinsonate finden sich Anklänge an ein Piri, ein oboenartiges koreanisches Instrument, als Ursprung für die zahlreichen Triller im Stück, und an einen kalligraphischen Pinselstrich, als Visualisierung des Bogenstrichs. Yun hört eine Note niemals als etwas Stillstehendes sondern als sich verändernden Ausdruck und wandelnde Energie.

Von ihrer Struktur her folgt die Violinsonate, die er in den Jahren kurz vor seinem Tod schrieb, einer programmatischen, möglicherweise autobiographischen Linie — eine Form von der er auch in seinem Streichquartett Nr. 5 (1990) Gebrauch macht. Nach dem ersten Höhepunkt, übernehmen, wenn auch nur kurz, Anmut und Vogelzwitschern die Führung. Während dieser Part für eine Weile eher lyrisch bleibt, bringt die Artikulation der Noten weiterhin eine wachsende Eigendynamik in die festliche Passage, in der die Geige, der Protagonist des musikalischen Prozesses, in den Strudel des Lebens geworfen wird. Auf der Suche nach Befreiung, erfährt sie Höhen und Tiefen. Endlich findet sie ihren inneren Frieden in der Stille des dreiteiligen Schlusses, in der sie die Komplexität, Ungerechtigkeit und Machtlosigkeit des Seins akzeptiert. Das ist in keinster Weise ein Happy End; es bleibt die Erkenntnis der Tragödie und die innere Ruhe, die sich bei dem Wissen, 'gelebt zu haben', einstellt. Die Sonate veklingt mit zwei tiefen Seufzern.

 
 
(Oktober 2004)
 
 
 
  Notes © 2004 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD., übersetzt von Nicolai Burchartz
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