MAGNUS LINDBERG
(Geb. 1958 in Helsinki)

Sonatas (1979)


Magnus Lindbergs Sonatas für Geige und Klavier, ein 12 Minuten langes Werk von kühnem, dramatischen und waghalsigem Charakter, entstand 1979. Es war Lindbergs erster Kompositionsauftrag, den er im Alter von 21 Jahren von der Finnischen Broadcasting Corporation erhielt. Das Werk wurde 1980 im Radio uraufgeführt, die erste öffentliche Aufführung fand ein Jahr später mit dem Komponisten am Klavier statt.

Drei Sonaten sind hier in einem Stück eingegliedert; eigentlich sind es drei Teile mit verschiedenen Charakteren, präsentiert als selbstständige Variationen, basierend auf ähnlichem Material. Anstatt jeden einzelnen Teil als Satz zu bezeichnen, nennt Lindberg ihn Sonate; dabei leiht er den Namen von Sonaten für Streichquartett (1967), einem 40 minütigen Werk von Brian Ferneybough, einem Mentor Lindbergs. Jede Sonate hat einen ausgeprägten Charakter und der Komponist unterscheidet deutlich, indem er jede mit einer anderen Sprache bezeichnet: deutsch, französisch und italienisch. Man kann in puncto Artikulation, Temperament und dem nationalen Charakter einen Zusammenhang herstellen zwischen jedem der drei Teile mit der ihm zugewiesen Sprache.

Die deutsche Sonate unter der Überschrift Mäßig beginnt auf nasale, minimalistische Weise. Der Violinist muss bestimmte Noten ausdrücklich ohne Vibrato spielen, um den Eindruck der Bewegungslosigkeit zu hervorzuheben. Der Satz ist starr und etwas eckig. Die zweite Sonate, die Französische, startet sanfter und leichter, aussi léger que possible. Andere Hinweise lauten étincelant (funkelnd) und lointant (entfernt). Der italienische Teil beginnt mit extremer Energie und Kraft und ist molto agitato überschrieben.

In dieser kurzen Komposition zeigt der junge Lindberg eine erstaunliche Fähigkeit, musikalische Dramaturgie zu entwickeln und Zeit und Impuls zu manipulieren. Nach Lindbergs Aussagen war dies das Werk, in welchem er den Unterschied zwischen progressiver und statischer Form erforschte. Das bedeutet, dass sich sogar in den 'statischen' Momenten musikalischer Impuls und konstante kinetische Bewegung findet.

Das harmonische Vokabular in Lindbergs Sonatas für Geige und Klavier nimmt eine Vielfalt zeitgenössischer Traditionen in Anspruch: Tritoni, reine Quarten in den Harmonien, dissonante Cluster, Ganztonleitern und starre unisono-Teile. Die Geige verwendet glissandi und Viertelton-Schwankungen, während die Klavierstimme wild und extravagant daherkommt und dabei die gesamte Klaviatur in einer oftmals brutalen Weise ausnutzt.

Lindberg sondiert auch die akustische Beziehungen zwischen den Instrumenten, so mit der Tonhöhe der Geige, die sich aus den dissonanten Clustern ergibt, die langsam in den Klavierpart übergehen. Die Musik hat kompromisslose modernistische Tendenzen, man kann sie vielleicht "postexpressionistisch" nennen.

Magnus Lindberg wurde 1958 in Finnland geboren. Er studierte Klavier und Komposition an der Sibelius Akademie in Helsinki, dem hervorragenden Konservatorium Skandinaviens. Er studierte auch in Paris, Siena und Darmstadt, den Zentren progressiver, modernistischer Kompositionstrends. Er war Mitglied der Korvat auki! und Toimii Ensembles, Gruppen finnischer Komponisten und Musiker, und dank der experimentellen Arbeit mit diesen beiden Organisationen entwickelte er seine eigene musikalische Persönlichkeit. Seine musikalische Sprache ist breit und kontrastreich: von simpel und klassisch bis extrem komplex mit Gebrauch von Technik.

Seit seiner ersten Auftragsarbeit, den Sonatas, hatte Lindberg viele Erfolge: sein erster großer Durchbruch kam mit Action Situation Signification (1982) und Kraft (1983-1985). Die drei neuesten Auftragsarbeiten sind Sculpture (2005 vom Los Angeles Philharmonic Orchestra uraufgeführt), ein Violin-Konzert (Uraufführung im August 2006 von der Geigerin Lisa Batiashvili) und ein Werk für Chor (Uraufführung 2007 bei der Wiedereröffnung der Royal Festival Hall in London).

 
 
 
 
 
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