MIDORI | KRZYSZTOF PENDERECKI: Violinsonate Nr. 2
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KRZYSZTOF PENDERECKI: Violinsonate Nr. 2

KRZYSZTOF PENDERECKI
(* 1933 in Debica, Polen)

Violinsonate Nr. 2 (1999)

1. Larghetto
2. Allegretto scherzando
3. Notturno
4. Allegro
5. Andante

Krzysztof Penderecki’s zweite Sonate gilt wahrscheinlich als eines der großartigsten Duos, die für Violine und Klavier an der Wende zum 21. Jahrhundert geschrieben wurden. Uraufgeführt im April 2000 von Anne-Sophie Mutter und ihrem Duo-Partner Lambert Orkis, bietet die Sonate komplexe logische und zugleich unlogische Zusammenhänge sowie Überraschungen und unvorhersehbare Ereignisse. Die Kombination dieser Elemente beleuchtet die Kreativität und Kunstfertigkeit des Komponisten.

Wie seine Zeitgenossen, Witold Lutoslawski und andere polnische Musiker seiner Generation, erlebte Penderecki eine turbulente Kindheit, ausgelöst durch Gewalt und Tragödien dieser besonderen Zeit, in die er hineingeboren wurde. Als Konsequenz aus der deutschen und sowjetischen Besatzung während des zweiten Weltkrieges wurden künstlerische Ausdrucksformen seit den späten Fünfziger Jahre in Polen stark zensiert. Als Penderecki 1958 sein Studium an der Krakauer Akademie abschloss (welche er zunächst als Violinstudent betrat, ehe er zum Kompositionsfach wechselte), ermöglichte das “Tauwetter” ein wenig Freiheit und wachsendes Experimentierfreude in der musikalischen Komposition.

Beeinflusst durch Bartók und John Cage arbeitete Penderecki mit Klängen und Aleatorik. Seine ‚metamorphosis‘-Phase begann in den späten Siebzigern, als er seinen musikalischen und kompositorischen Stil drastisch veränderte. Der wegbereitende Experimentalismus seiner frühen Werke war vorbei und wurde durch eine experimentelle und direktere Herangehensweise ersetzt, die deutlich von der Atonalität Alban Bergs und dem Zynismus Schostakowitschs beeinflusst war. Zuletzt entwickelte sich Pendereckis Stil zu einer wunderbaren Summe all seiner vorherigen Entwicklungen, wovon auch die 2. Violinsonate zeugt; mit einer behaglichen Experimentierfreudige, Phrasen, die an Bartók erinnern, Atonalität, die an die Meister des 20. Jahrhunderts erinnern und Improvisation, alles kombiniert in seiner eigenen einzigartigen Kompositionssprache.

Während die Violine Pendereckis Hauptinstrument als aufstrebender Musiker war – er schrieb zwei Konzerte für Violine (1976 und 1995) – setzte er sie selten in der Kammermusik ein. Seine erste Sonate für Violine und Klavier entstand, obwohl sie erst 1990 publiziert wurde, während seines Studiums, seine drei Miniaturen für Violine und Klavier 1959. Die zweite Violinsonate ist bei weitem das substantiellste und am meisten durchdachte Werk für Violine im derzeitigen Penderecki-Verzeichnis. Die Sonate ist ein Epos und beginnt mit der Geburt von Ideen, die in der Arbeitsphase entwickelt wurden und sich anschließend allmählich verfestigen.

Allgemein werden die beiden Instrumente gleichberechtigt präsentiert, obwohl die Komposition idiomatisch die Violine bevorzugt. Penderecki verwendet einen großen Registerwechsel von der Tiefe bis zur extremen Höhe, wohingegen spezielle Soundeffekte nur sparsam verwendet werden. Nur kurze Sektionen werden con sordino gespielt, und neben den Standard-Pizzicati und -Harmonien dienen nur einige typische Kunstgriffe moderner Komponisten der Klangentwicklung.

Die zweite Violinsonate ist ein großes Werk, das aus fünf Sätzen besteht, wobei der emotionale Kern in der Mitte des Werkes liegt. Alle Sätze werden durch motivisches Material und die symmetrische Konstruktion zusammengehalten. Der erste und die letzten beiden Sätze sind verbunden (ein Satz geht ohne Pause in den anderen über); der dritte Satz bildet die einzige eigenständige Form, was mit der Wichtigkeit seiner Gestalt zusammenhängt.

Das Werk beginnt mit einem Monolog der Violine und wird durch Halbtonschritte dominiert, die zunächst im pizzicato erklingen. Während das Klavier spielt, schwillt die Musik an und erreicht schnell ihre maximale Intensität. Der Impuls wird anschließend durch den Viertonakkord in der Violine und das Cluster im Klavier aufgelöst. Der Abschnitt dient der Einführung des Satzes, welcher selbst eine Einführung des ganzen Werkes ist. Der Hauptteil des Larghettos beginnt mit dem Eröffnungsmaterial, das in einer vierstimmigen polyphonen Abschnitt präsentiert wird. Der Hauptteil des Satzes besitzt einen rhetorischen, monologisierenden Stil, und bewegt sich sanft in das erste Scherzo der Sonate.

Das Scherzo hat eine “russische” Grundstimmung in der Tradition Prokofjews und Schostakowitschs. Die verspielte und sarkastische Kombination der Hauptthemen beherrscht den Satz. Der zweite Satz hat beinahe die Form einer Sonate, in der die drei Abschnitte (ABA) vorgestellt werden, sich entwickeln und am Ende des Abschnitts wiederkehren. Duch die Wiederkeht der Themen vom Anfang im letzten Abschnitt erhält der Satz einen zynischen und düsteren Charakter.

Das Notturno, welches als Epizentrum der Sonate fungiert, versinkt in einer dunklen, turbulenten Atmosphäre, was sich bereits am Ende des vorhergehendes Scherzo abzeichnet. Zunächst charakterisiert durch die Nicht-Betonung der Hauptzählzeiten (die Noten werden in beiden Stimmen oft über die Taktstriche hinweg verbunden) kündigt sich eine mysteriöse und anhaltende Suche an. Die Verwendung von Chromatik trägt zu der Klangfülle und dem unhaltbaren Fluß bei, in dem sie eine schwere, unheilvolle Stimmung erzeugt. Nach dem donnernden, stürmischen Teil dient das gespenstische, choralartige zweite Thema als emotionaler Klimax des Notturno. In der Coda bietet Penderecki das ganze Material dieses Satzes und sogar noch einen Schnipsel aus dem Scherzo auf, um das Herzstücks des Werks zu beenden.

Der vierte Satz beginnt nicht mit dem Halbton-Motiv sondern mit einem sich wiederholdenden Rhythmus auf dem Ton D. Wie eine Tarantella ist dieser Satz schnell, ein wenig verrückt und nervös mit Funken und Blitzen der Aufregung. Wie eine Burleske aus der Nachkriegszeit finden sich Anklänge an Glitter, Angst, Surrealismus und Hetze, vermischt mit Pseudo-Romantizismen in kurzen lyrischen Passagen. Der Satz steigert sich zu schmerzvoller Hitze und Wucht, um dann von einer fantastischen Unterbrechung des Klavier-Cluster und dem Tremolo-Arpeggio der Violine erlöst zu werden. Die letzten Töne des Satzes sind ein unisono D. Zunächst hält die Violine diese auf den Punkt gebrachte Note, zu Beginn des fünften und letzten Satzes bzw. des Epilogs erklingt sie aber im Klavier. Hier bringt Penderecki, wie schon in der Coda des Notturno, alle Themen des Werks zurück, à la nostalgia, wie in gedämpfter Trance. Mit sanftem, dem Notturno entnommen Donner im Klavier steigt die Violine zum höchsten Ton des Werks auf, ehe beide Stimmen in der Stille verschwinden.

Notes & copy; 2008 by Midori, OFFICE GOTO CO., LTD.
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